Digitalisierung im Amateurfußball: Die neue Offenheit nutzen

Während der Corona-Krise haben viele Amateurfußballvereine in Deutschland mit den Möglichkeiten der Digitalisierung experimentiert. Schließlich waren Online-Auftritt, YouTube-Kanal oder E-Sport oft der einzige Weg, Kontakt zu Mitgliedern, Fans und Sponsoren zu halten. Nun gilt es, den Schwung mitzunehmen – die Potenziale der Digitalisierung sind längst nicht gehoben.

Von Tim Frohwein und Markus Kleber

22. April 2020, Topspiel in der Bremen-Liga: Der Tabellenfünfte Bremer SV empfängt Spitzenreiter FC Oberneuland. Mehrere hundert Zuschauer verfolgen eine unterhaltsame und abwechslungsreiche Partie; am Ende trennen sich die Teams 3:3 Unentschieden. Auswirkungen auf die Tabelle hat das Ergebnis nicht – aufgrund der Corona-Krise fand das Spitzenspiel der Oberliga diesmal nur virtuell statt: Mitglieder beider Vereine hatten es auf der Playstation nachgespielt und eine kommentierte Videoaufnahme davon über YouTube verbreitet.

Mit der Aktion, die bundesweit für Aufmerksamkeit sorgte, wollten beide Vereine dem Lockdown trotzen, Mitgliedern, Fans und Sponsoren etwas bieten und zudem Einnahmeausfälle kompensieren: Statt realer Eintrittskarten wurden hunderte virtuelle Tickets verkauft, dazu digitale Bratwürste und Biere. Die Vereine nahmen auf diese Weise über Tausend Euro ein.

Auch andere Amateurfußballklubs in Deutschland entdeckten während der Corona-Krise die Möglichkeiten der Digitalisierung neu: Der pfälzische Regionalligist FK Pirmasens programmierte eine Website mit einer virtuellen Stadionchoreografie, zu der Fans und Gönner mit dem Kauf virtueller Sitzplatzkarten beitragen konnten. Bei zahlreichen Amateurvereinen fanden Trainingseinheiten oder Mannschaftsabende via Skype statt, andere organisierten E-Sport-Turniere für ihre zuhause eingesperrten Jugendspieler.

Bei vielen Vereinsführungen wurden so während der Corona-Krise Vorbehalte gegenüber der Digitalisierung abgebaut – man erkannte, wie nützlich Online-Auftritt, Social Media oder E-Sport sein können, um das Vereinsleben aufrecht zu erhalten und an Einnahmen zu kommen.

Nach Wochen der sozialen Unterversorgung kehren Aktive, Fans und Funktionäre nun – zum Glück – wieder nach und nach auf die Amateurfußballplätze des Landes zurück und können sich dort von Angesicht zu Angesicht begegnen. Die neue Offenheit gegenüber der Digitalisierung gilt es dennoch zu bewahren – die mit ihr verbundenen Potenziale sind für den Amateurfußball längst nicht ausgeschöpft.

Die Kernbausteine des Amateurfußballs in die virtuelle Welt transportieren

Ein Fußballverein lebt – gerade im Amateurbereich – von Gemeinschaft, von Emotionen, von Charakteren. Das alles funktioniert „in Echt“ am besten – aber warum diese Kernbausteine nicht auch in die virtuelle Welt transportieren, wenn es die Digitalisierung bequem möglich macht?

Nicht jedes Mitglied, nicht jeder Fan oder Sponsor schafft es regelmäßig auf den Fußballplatz – weil sie zu wenig Zeit haben oder vielleicht sogar inzwischen woanders wohnen. Diese Personen müssen aber nicht zwangsläufig die Bindung zum Verein verlieren. Man kann sie stattdessen Teil einer virtuellen Vereinsgemeinschaft werden lassen: Man entführt sie per live gestreamten Handy-Video in die Kabine und lässt sie an der Mannschaftsbesprechung vor dem Spiel teilhaben, man stellt im kurzen Porträt den ehrenamtlichen Greenkeeper vor, der seit Jahren dafür sorgt, dass das eigene Team auf einem „Teppich“ spielen kann oder man überträgt die Vorstellung des neuen Trainers live – mitsamt einer Chatfunktion, über die jeder Zuschauer seine Fragen stellen kann. Ein engagiertes Mitglied, das mit dem Smart Phone umgehen kann und in den Sozialen Medien zuhause ist und eine Plattform, über die diese Inhalte verbreitet werden können – viel mehr ist zur Umsetzung gar nicht nötig.

Der Verein kann so den Verlust langjähriger Mitglieder verhindern, neue hinzugewinnen – und darüber hinaus Einnahmen sichern: Wer sich als Teil einer virtuellen Community fühlt, weil er trotz Entfernung ganz nah dran ist am Verein, der wird auch bereit sein, dafür zu zahlen.

Der Amateurfußball wird immer in der realen Welt am besten funktionieren – aber warum nicht einige seiner zentralen Aspekte zusätzlich in der virtuellen Welt stattfinden lassen? Jetzt ist der beste Zeitpunkt, dass Vereine diesen Weg einschlagen. Die neue Offenheit gegenüber der Digitalisierung hat ihn begehbar gemacht.

Über die Autoren:

Tim Frohwein ist Soziologe und Journalist und organisiert die Veranstaltungsreihe Mikrokosmos Amateurfußball.

Markus Kleber ist Mitgründer und Geschäftsführer von Die Ligen (die-ligen.net), einer Videoplattform für den Amateurfußball.

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